Auf der Suche nach Kai


Das Frühstück habe ich ausfallen lassen. Wer ein Kai- oder Food Festival besucht, der braucht am Morgen nichts zu essen, - dachte ich. Hätte ich vor der Abfahrt einen Blick auf die Landkarte geworfen, dann wäre ich sicher nicht aus dem Haus gegangen, ohne mich vorher mit einer großen Schale Müsli zu stärken.

Unser Ziel ist Kawhia, ein kleiner Ort an der Westküste mit etwa sechshundert Einwohnern. Einmal im Jahr, zum traditionellen Maori Kai-Festival, eine Festivität, bei der das Essen im Vordergrund steht, schwillt Kawhias Besucherzahl auf etwa zehntausend an.


Auf der ausgebauten Straße kommen wir zunächst gut voran. In Tihiroa biegen wir auf den State Highway 31 ab und stehen wenig später vor einer geöffneten Motorhaube. Graue Schleier steigen aus dem Inneren des Pick-ups in die schwüle Luft auf. „Too hot“, sagt die Maori und grinst ein fast zahnloses Lächeln. Unermüdlich schüttet sie Wasser in den Kühler, der brodelt und dampft wie ein Geysir. Vier runde Kindergesichter mustern uns neugierig von den geöffneten Seitenfenstern aus.
Tokowha, mein Maori-Guide, wirft einen Blick in den Motor und schüttelt nur den Kopf. Mit diesem Gefährt wird für die Familie aus dem geplanten Ausflug nach Kawhia nichts werden. Nach Tokowhas vernichtendem Urteil erlischt das Lächeln auf dem Gesicht der Frau und wir alle starren anklagend auf den Motor, der der Familie soeben den Tag verdorben hat. Die Maori bleibt, auf Hilfe wartend, am Straßenrand zurück und wir setzen unsere Reise fort.

Tokowha versucht die verlorenen Minuten wieder hereinzuholen und fährt, was die engen Kurven und seine Geschicklichkeit hergeben. Auch mein Magen meldet sich mit einem lauten Knurren zu Wort, doch außer einem verrunzelten Apfel, der sich im Handschuhfach findet, habe ich ihm nichts zu bieten.

Als wir in Kawhia ankommen, ist es Mittag. Die Straßen sind mit Autos zugeparkt und vor dem Eingang hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Alkohol und Nikotin sind auf dem Gelände tabu. Raucher, die die nächsten Stunden ohne eine Zigarette nicht überleben können, zünden sich schnell noch eine an, bevor sie sich in das Getümmel stürzen.

Händler bieten Holzschnitzereien und Schmuck an und irgendwo flattern bunte Sarongs im Wind. Doch meine Augen verweilen nur kurz an den Verkaufstischen, bleiben stattdessen an den Gesichtern der Besucher hängen; Gesichter, so ausdrucksstark, so individuell und vom Leben geprägt, dass ich nicht anders kann, als darum zu bitten, sie fotografieren zu dürfen.

 

Ich folge Tokowha, der sich zielsicher einen Weg durch die Menschenmenge bahnt und vor einer überdimensionalen Speisekarte stehen bleibt. Das Angebot an Maori-Kai ist so groß, dass ich mich nicht entscheiden kann. Zur Auswahl stehen das traditionelle „Hangi“, „Pauamuschel mit frittiertem Brot“, „frittierte Muscheln“, „Toroi“, fermentierte Brunnenkresse mit Muschelfleisch, „gebratener Muschel-Kebab“, „Piko Piko“, die frischen Triebe eines Farns, „Curry Muscheln“, „Rewena-Bread“, ein Brot, für dessen Herstellung Kartoffelsaft verwendet wird, und „Kaanga wai“.

Bei Kaanga wai, auch Rotten corn genannt, handelt es sich um Maiskolben, die monatelang im Wasser vor sich hinvegetieren, bis sie schließlich vergären. Diese Art der Herstellung lässt bereits den Geruch der Speise erahnen. Unerfahrenen wird empfohlen, sich die Nase zuzuhalten, bis sie das Kaanga wai in den Mund befördert haben. Das Gericht, das vor allem von den älteren Maori gerne gegessen wird, stammt aus der Zeit, in der die Essensvorräte ausschließlich durch Einlegen oder Trocknen haltbar gemacht wurden.

Tokowha kann meine Unentschlossenheit nicht länger mit ansehen und ordert kurzerhand ein Hangi für mich. Für einen Vegetarier nicht unbedingt die beste Wahl.

Wir suchen uns einen schattigen Platz unter den großen Bäumen und ich krame verstohlen in dem aus Bananenblättern geflochtenem Körbchen nach der Gemüseeinlage und dem frittierten Brötchen. Während ich an einem Stück Süßkartoffel knabbere nehme ich mir vor, mich später noch durch das reiche Angebot an Süßspeisen zu kosten.

 

Die Suche nach dem passenden Kai hat meinen Maori-Guide müde gemacht und er streckt sich unter einem Baum aus, um sich ein wenig auszuruhen. Die Stimmung ist entspannt. Der Reggae-Sound der Live-Band klingt herüber, und von der Hafenbrücke her vernehme ich das Lachen der Kinder, die sich, nach Abkühlung lechzend, ins Meer stürzen. Besucher, die nicht dem Müßiggang frönen wollen, versuchen sich im „Ráranga“, Flachsweben, „Whakairo Rákau“, Holzschnitzen und „Whatu-Kákahu“, dem Umhangmachen.

Ich dagegen bin immer noch auf der Suche nach dem richtigen Kai. Wie erwartet werde ich bei den Desserts fündig. „Frische Wassermelone mit Eiscreme“ und eine Portion „Gedämpfter Pudding mit Vanillesoße“, sollen es sein. Der Andrang an den Ständen ist groß, doch mein Verlangen nach den Köstlichkeiten verwandelt mich in einen geduldigen Menschen.

Als ich dem Gedränge entkomme, ist das Meer schon wieder dabei die sumpfigen Pfützen aufzufüllen, die es bei seinem Weggang vor ein paar Stunden hinterlassen hat.

Ich mache es mir mit meinem Kai im Schatten gemütlich und schon nach wenigen Minuten gesellt sich eine Schar Möwen zu mir. Heftige Kämpfe entbrennen um die paar Brocken, die ich spendiere und sekundenschnell verschwinden diese in den dürren Hälsen. Zu Genuss scheinen die Vögel nicht in der Lage zu sein. So als wollte ich den gierigen Tischgenossen eine Lektion erteilen, zelebriere ich mein Kai und erfreue mich an jedem Bissen. Ja, das Leben ist schön, vor allem, wenn man das richtige Kai gefunden hat.