Das große Rennen


Viele halten Schafe für dumme Tiere. Doch mal ehrlich, wussten Sie, dass sich Schafe bis zu fünfzig Gesichter ihrer Artgenossen merken können?

Wenn Sie in Betracht ziehen, wie ähnlich sich Schafgesichter sind, ist das eine wahrlich beachtliche Leistung!

In Neuseeland gibt es etwa vierzig Millionen dieser klugen Geschöpfe und einmal im Jahr, zum weltberühmten „Sheep Run“, werden etwa zweitausend von ihnen durch die kleine Stadt Te Kuiti im Waitomo-Distrikt getrieben. Unzählige Menschen säumen die Geschäftsstraße und erfreuen sich daran, eine aufgeregte Schafherde an sich vorbeihetzen zu sehen.


Die flauschigen Akteure werden zunächst aus Nah und Fern zusammengekarrt. Etwas ratlos stehen sie auf dem umzäunten Parkplatz. Schaftransporter um Schaftransporter sorgt für neuen Nachschub und je größer die Zahl an Schafen wird, umso angespannter wird die Stimmung unter den Tieren.

 

Auch ich gehöre in diesem Jahr zu den vielen Schaulustigen, die sich das Schaf-Spektakel ansehen wollen. Ich selbst kann mir nicht vorstellen, dass es ein Vergnügen ist, mit heraushängender Zunge an einer johlenden Horde vorbei zu hecheln, um dann am Ende von einem entschlossenen Schafscherer des Pelzes beraubt zu werden.

Der Gedanke an dieses Szenario machte im Jahr davor wohl auch einigen Schafen zu schaffen. Insgesamt waren 1 953 Tiere zum „Sheep-Run“ angemeldet. Am Ende der etwa zwei Kilometer langen Strecke wurden allerdings nur mehr 1 873 gezählt. Eine Differenz von achtzig Tieren!
Einige besonders Kluge, denen wohl nicht der Sinn danach stand, sich vor der Meute zum Narren zu machen, waren ausgebrochen und hatten sich auf die nahe gelegenen hügeligen Weiden verzogen.

 


Hinter vorgehaltener Hand wurde mir berichtet, dass es aber auch weniger glückliche Schaf-Schicksale gab. Ein paar, etwas trägere oder vertrauensseligere Tiere, waren offenbar in die Hände gieriger Tunichtgute gefallen, die die Schafe lieber tot in ihrer Pfanne sehen wollten, als lebend am Ende der Geschäftsstraße.

Die anderen 1 873 ergaben sich in ihr Schicksal, nutzten aber die erstbeste Gelegenheit, sich an den sensationslustigen Zuschauern zu rächen. Als Opfer bot sich eine österreichische Touristin an, die, unerfahren im Umgang mit einer vierstelligen Schafherde, etwa einhundert Meter direkt in Laufrichtung, mit ihrer Kamera Stellung bezogen hatte.
Wenn man nicht dauernd mit galoppierenden Schafen zu tun hat ist es schwierig, ihre tatsächliche Geschwindigkeit einzuschätzen. Zu allem Unglück war die heranrasende Schafherde nicht geneigt, für ein Porträt zu stoppen. Die Dame war also im Weg und wurde wenig später ohnmächtig am Boden liegend gesichtet.

 


Wie viele Schafe beim diesjährigen „Sheep-Run“ verlustig gegangen sind, kann ich nicht sagen. Berichten kann ich nur von einem, das ich, in journalistischer Manier, bis auf die Weiden hinauf verfolgt habe.
Nach etwa einem Kilometer intensiver körperlicher Ertüchtigung (Sie haben keine Vorstellung davon, wie schnell ein Schaf rennen kann) blieb ich atemlos hinter dem Tier zurück und sah das Schafhinterteil, und damit meine Story, gerade noch in den Büschen verschwinden.


Für einen Journalisten gibt es wohl nichts Schlimmeres, als wenn einem der Interviewpartner abhandenkommt. Aber ich sagte ja schon zu Beginn: Schafe sind nicht so dumm, wie die meisten Menschen glauben!

Doch seien wir realistisch, ich hätte das Schaf ohnehin nicht interviewen können, wie ich es gewöhnlich mit meinen Gesprächspartnern tue.
Ich bin allerdings davon überzeugt dass, hätte ich das Schaf zum Interview bitten können, es mindestens genauso viel zu sagen gehabt hätte, wie so manch ein Politiker oder Vorsitzender eines lokalen Gesangsvereins. Nicht selten stellen mich diese Herrschaften vor die Herausforderung, aus mageren Inhalten eine passable Story zu machen.

Aber, machen Sie sich keine Sorgen. Sie kriegen Ihre Schafgeschichte...