Ein Schmuck für die Ewigkeit


Die Formen erinnern an Farne und Schlingpflanzen und ich glaube auch einen Basilisk zu erkennen. Seit genau zwei Stunden zeichnet Dan Ormsby mit Kugelschreiber und einem Rotstift ein Muster auf den Oberarm seines Kunden Lance. Nach und nach entsteht eine Landschaft aus Linien, Kreisen und Winkeln, die ineinander verwächst und zu einem Ta Moko wird, der traditionellen Tätowierung der Maori.

Wer glaubt, er braucht nur vorbeizukommen und sich aus einem Katalog ein hübsches Motiv auszuwählen, der irrt. Das Ta Moko verlangt nach einer individuellen Lebensgeschichte, nach Wurzeln und Erinnerungen. Ein Ta Moko ist nicht nur ein bloßes Bild auf der Haut, es wird Teil des Körpers, zeigt den Ursprung, das Whakapapa. Der Tätowierer kreiert daraus ein unverwechselbares Kunstwerk, das nur der Träger lesen kann. Es existiert kein Symbol, das die gleiche Bedeutung hat.
Geduld braucht man dafür. In einer Sitzung ist das nicht zu schaffen. Fünfundzwanzig Stunden, auf fünf Sitzungen verteilt, kann es schon mal dauern. Aber auch die Entscheidung für das Ta Moko wächst langsam und reift mit der Zeit. Jahrelange Vorbereitung und die Einwilligung der Familie ist nötig.

Noch vor einigen Jahrzehnten schämten sich junge Maori für ihr Ta Moko, wurde man damit unweigerlich mit Gangs in Verbindung gebracht, die sich aus den eigenen Reihen herausgebildet hatten. Die Motive der Gangmitglieder waren allerdings andere, hatten mit dem Stolz auf die Vorfahren nichts zu tun. Sie trugen Totenköpfe, geballte Fäuste, Bulldoggen und die Zahl 13 auf ihrer Haut, Symbole für Widerstand. Widerstand gegen Alles und Jeden.
Die Jahre vergingen und in den 80ern erkannten die Maori-Stämme, dass ihre Kultur im Schwinden begriffen war, die Sprache drohte auszusterben, der Stolz auf die Mokos und damit der Stolz auf die eigene Herkunft.
Die roten und blauen Linien ergeben mittlerweile ein harmonisches Ganzes. Dan zieht den großen Spiegel heran, in dem Lance den Entwurf betrachten kann. Er erklärt die Formen und Muster, die Hinweise auf Lances Herkunft geben. „Gefällt es dir?“ Lance dreht sich vor dem Spiegel, spannt die Muskulatur an und nickt.
Auf einem kleinen Ecktisch breitet Dan sein Werkzeug aus. Die Auswahl der richtigen Nadel erfordert am meisten Zeit. Drei Nadeln enthält die Maschine, wenn sie feine Linien erzeugen soll, zehn für die Flächen. Dan arbeitet mit bis zu fünfzehn Nadeln in verschiedenen Kombinationen; Formen und Größen variieren. Eine Vielzahl an Farben steht zur Verfügung. Dan benutzt in der Regel nur drei davon. Auf der zumeist dunklen Haut seiner Kunden würde man die anderen Farben sowieso nicht sehen.

 

Mehr als einhundert Mal pro Sekunde werden die Nadeln in die Haut hineinjagen, so das Muster eingravieren. Dan gießt schwarze Farbe in einen fingerhutgroßen Becher, reißt Unmengen von Papiertüchern von einer Rolle und stapelt sie lose aufeinander. Er stülpt sich die Gummihandschuhe über und deponiert einen großen Kleks Vaseline auf einer Glasplatte. Die braucht er, um das Muster auf der Haut zu fixieren.

Bereits im Alter von fünfzehn Jahren fing Dan mit dem Tätowieren an. Sein erster Kunde war er selbst. Ein buntes Gemisch an Motiven hämmerte er sich in den Oberschenkel, Totenköpfe und allerhand andere bizarre Bilder. Viele seiner Freunde waren der Ansicht, dass er es bereuen würde, doch er sagt, dass es seinen Lebensweg ebnete. Bald darauf kamen erste Kunden, die Vertrauen in Dans Künste hatten. In der verlassenen Gegend gab es ohnehin keine ernsthafte Konkurrenz. Für ein professionelles Tätowiergerät hatte Dan kein Geld. Er verwendete das, was andere ihm vorbeibrachten, zumeist selbstgebastelte Apparaturen. Von Hygiene und Sicherheit sprach niemand. Die Motive: Drachen, Totenköpfe und Boliden.
Mit knapp zwanzig, hatte er über vierzig Leute tätowiert. Als ein Mann mit der Vorlage eines Mokos kam und ihn nach getaner Arbeit bat, ihm dessen Bedeutung mitzuteilen war ihm klar, dass etwas geschehen musste. Er schloss sein Studio und ging in eine kleine Stadt im Süden der Nordinsel, um dort „Maori Fine Art“ zu studieren. Seine Freunde betrachteten das als Zeitverschwendung, nannten ihn einen Illusionisten.
Drei Jahre später kehrte Dan mit einem Diplom, und dem Wissen um die Bedeutung des Mokos in seine Heimatstadt zurück. Er tätowierte wieder, dieses Mal in vollendeter Form. Niemals verwendet Dan das Design eines anderen. Jede seiner Arbeiten ist ein Unikat. Auf jeder hinterlässt er seine eigene Signatur.

 

Sobald die Nadel in die Haut eintritt, gibt es kein Zurück. Man kann die Linien nicht einfach wegradieren. Doch nicht jeder kann mit dem Schmerz umgehen. Einige brechen die Sitzung schon nach wenigen Minuten ab. „Das liegt daran, dass sie nicht vorbereitet sind“, meint Dan. Einem Maori ist klar, dass er mit der Tätowierung sein Whakapapa, seinen Stammbaum, auf der Haut trägt. Etwas, worauf man stolz sein kann. Für einen Pakeha, einen Weißen, ist es nur ein Bild, etwas ohne tiefere Bedeutung.
Dans Mutter ist Engländerin, sein Vater Maori. Kann Dans Mutter ihre Vorfahren nur etwa drei Generationen zurückverfolgen, so hat sein Vater mehr vorzuweisen. Maori tragen ihre Familienhistorie im Kopf, verarbeiten sie in Liedern und Tänzen. Eine Generation reicht sie an die andere weiter, so bleibt sie fehlerfrei erhalten. Er selbst sieht sich als eine Brücke zwischen den Kulturen, betrachtet es als einen Vorteil, in zwei verschiedenen Welten aufgewachsen zu sein.
Eine Tabuzone gibt es für Dan: das Gesicht. „Ich könnte es, aber die Zeit ist noch nicht reif dafür.“ Im Gesicht zu tätowieren ist ein großes Privileg, aber auch eine große Verantwortung. Entscheidet sich ein Maori ohne die Zustimmung seiner Familie für ein Mau Moko, so kann das Konsequenzen haben und zwar dann, wenn sie kein Gefallen daran finden oder schlimmer noch, den Tätowierten als unwürdig erachten, diese Art des Ta Mokos zu tragen.
Ich lausche dem Surren des Tätowiergerätes. Dan ist sehr konzentriert. Millimetergenau folgt er den Kugelschreiberlinien. Lance blickt aus dem Fenster. Sein Gesicht strahlt Würde aus. Er weiß dass das, was gerade auf seinem Arm entsteht sein Freund und Begleiter sein wird - für immer.