Der Ruf des Herzens


Happinez Nr.1/2013

Sieben Monate lebt Claudia Edelmann bei den Maori in Neuseeland - eine Zeit, die ihr Leben verändert und sie in eine Welt voller Weisheit, Wärme und tiefempfundener Spiritualität entführt.

 

Will ich hier bleiben? Wirklich – hier? Mit meinem riesigen Koffer stehe ich verloren in der Einfahrt eines unscheinbaren Hauses, das einem Mann gehört, von dem ich kaum mehr weiß als seinen Namen: Tokowha. Das ist Maori. Schön. Nur leider ist Tokowha nicht zuhause. Und in genau diesem Moment frage ich mich, welcher Wahnsinn mich hierher getrieben hat. Hierher, in diesem Ort namens Te Kuiti, der mitten im Nirgendwo liegt und kaum mehr aufzuweisen hat als einen Supermarkt, eine Post und ein paar billige Fastfood-Restaurants. Mein Herz klopft bis zum Hals. Te Kuiti ist meilenweit entfernt von dem Neuseeland, das ich liebe. Hier gibt es nichts. Nichts Schönes. Ich habe mir das anders vorgestellt, ganz anders. Will wieder fort, zurück ins Licht. Dann, plötzlich, ist Tokowha da. Er springt aus seinem Auto, reisst meinen Koffer hoch und trägt ihn in das schönste Zimmer des Hauses. Und ich – ich stelle keine Fragen mehr. Ich bleibe einfach.

 

Vor fast 20 Jahren bin ich das erste Mal nach Neuseeland gereist. Ich wusste nichts über dieses Land, und die meisten meiner Freunde kannten nicht einmal den Namen. Als ich damals zum ersten Mal den Flughafen in Auckland verließ, hörte ich das Zirpen der Grillen und den Gesang von Vögeln, die ich nie zuvor gesehen hatte.
In diesem Moment berührte Neuseeland meine Seele; es brachte etwas in mir zum Schwingen, von dem ich nicht wusste, dass es überhaupt in meinem Inneren existiert. Seitdem bin ich immer wieder in dieses Land gereist. Habe mich bezaubern lassen, entführen lassen, und doch war da irgendwann dieses Gefühl, dieses leise Nagen in meinem Herzen, dass mir sagte, dass ich ein Land niemals wahrhaftig lieben kann, wenn ich nicht auch seine Menschen wahrhaftig lieben lerne. So studierte ich die neuseeländischen Zeitungen, las Berichte über aggressive Maori-Gangs; erfuhr, dass dieses Volk als eher arbeitsscheu, träge und unbeherrscht galt.
Waren das alles nur Vorurteile? Ich wusste es nicht. Aber ich wollte es herausfinden. Ich wollte die Maori kennenlernen. Wirklich kennenlernen. Dieser Entschluss reifte, er wurde zu einer Besessenheit, und als ich von einem Maori erfuhr, der durch Deutschand tourte und Vorträge übr sein Land hielt, erschien es mir wie ein Wink des Schicksals. Noch in der Pause stürmte ich zu dem Mann am Rednerpult und die Worte sprudelten haltlos aus mir heraus: „Ich heisse Claudia“, sagte ich. „Ich will dein Volk kennenlernen.“ Der Mann betrachtete mich schweigend. Ich erkannte in seinem Blick weder Erstaunen, noch Belustigung, vielmehr war es, als schaue er direkt in mein Herz. Dann sagte er: „Gut. Komm vorbei.“ Er gab mir seine Visitenkarte. Sein Name war Tokowha.

 

Knapp zwei Jahre später stehe ich in der Einfahrt seines kleinen, unscheinbaren Hauses in einem Ort namens Te Kuiti, der nichts mit dem Neuseeland gemein hat, dass ich kenne. „Wenn du mein Volk verstehen möchtest, musst du mit ihm essen, mit ihm trinken, mit ihm lachen, mit ihm weinen, mit ihm arbeiten und mit ihm ausruhen“, sagt mir Tokowha zu Beginn meines Aufenthalts. Und er hält Wort. Tokowha wird mein Türöffner – er führt mich ein in die inneren Kreise der Maori, in eine Welt, die Aussenstehenden verschlossen bleibt. Ganze Abende erzählt er mir von der Geschichte der Maori, von einem Volk stolzer Krieger, die bis zur Ankunft der Europäer im frühen 19. Jahrhundert von dem lebten, was die Natur bereithielt. Die neuen Siedler aber belegten das Land mit hohen Steuern und begrenzten den Zugang zum Meer; systematisch wurden die Menschen um ihre Lebensgrundlage gebracht, ganze Familien zogen fort in die Städte. Die Stämme brachen auseinander – sie verloren ihre Geschichte, ihre Sprache, ihre Götter. Was blieb, war eine „Lost Generation“ – ein Volk, dass erst in den vergangenen Jahrzehnten seine Wurzeln wieder entdeckt hat.

Oft, wenn ich Tokowhas Erzählungen lauschte, ließ ich mein Aufnahmegerät mitlaufen, was mir stets mißbilligende Blicke einbrachte. Als er selbst noch ein Junge war, so erklärte er mir später, habe er einmal eine Rede seines Urgroßvaters mitschreiben wollen, wofür dieser ihn fürchterlich rügte: „Wenn du Stift und Papier brauchst, um dich an das Gesagte zu erinnern, dann bleib fort!“ Die Bedeutung dieser Worte begreife ich erst allmählich: Lerne mit dem Herzen zu hören, um das Wesentliche zu verstehen. Das Wesentliche, das Wahrhaftige. Das, was sich dem ersten Blick entzieht. Ich lerne, umzudenken.

 

Einer der ersten Maori, denen mich Tokowha vorstellt, ist Daniel. Daniel, der Tattoo-Künstler. „Schuhe ausziehen, bevor du das Haus betrittst“, steht da und mit einem Blick auf den abgewetzten Teppich komme ich widerwillig der Aufforderung nach.“
Daniel ist schon bei der Arbeit. Er begrüßt mich mit einer herzlichen Umarmung, so als würden wir uns schon ewig kennen. Und genauso fühlt es sich an.
Mit einem Kugelschreiber und einem Rotstift zeichnet Daniel großflächige Muster auf den Oberarm seines Kunden Lance. Nach und nach entsteht eine Landschaft aus Linien, Kreisen und Winkeln, die ineinander verwächst und zu einem Ta Moko wird, der traditionellen Tätowierung der Maori. Stunden später, bevor Daniel mit dem Tätowieren beginnt, spricht er ein kurzes Gebet, in dem er Schutz und Beistand der Ahnen erbittet. Ich bin verzaubert. Bis zu 25 Stunden, so erzählt Daniel, kann die Ausführung eines Ta Moko dauern. „Traditionell war es die Aufgabe des Tätowierers, die Stammesgeschichte zu bewahren“, erklärt er. „Bis heute ist die Ausführung eines Ta Moko ein heiliger Akt,und die Entscheidung, eines zu tragen, bedarf noch immer die Zustimmung der Familie.“ Ich erfahre, dass jedem Ta Moko ein langes Gespräch vorausgeht, in dem die Geschichte der Ahnen erläutert wird, die spirituelle Verbindung der Familie mit bestimmten Flüssen, Bergen oder Tälern. Der Lebensweg, die Hoffnungen und Träume des zukünftigen Trägers werden besprochen und aus all diesen Angaben erschafft der Künstler ein Motiv, dass die Essenz eines Menschen widerspiegelt. Jede Linie, jedes Detail erzählt eine Geschichte – die Maori sagen, ein Ta Moko lebt und stirbt mit seinem Träger.

Daniel erzählt mir viel über die Bedeutung von Symbolen, über Leidenschaft und Ehre und die Kunst, einfach glücklich zu sein. Und ich lerne etwas Wesentliches: Die Maori hängen nicht an materiellen Dingen. Besitz bedeutet ihnen nichts. Seine Mutter, eine gebürtige Engländerin, erzählt mir später, wie entsetzt sie anfängich darüber gewesen sei, dass ihr Mann immer großherzig allerlei Gegenstände an Freunde und Besucher verschenkt habe, sobald diese Gefallen an etwas Bestimmten äusserten: „Ich musste ihn irgendwann bremsen, sonst würden wir heute in einem leergeräumten Haus leben…“

 

In den Wochen und Monaten, die kommen, reicht mich Tokowha von einem Maori zum nächsten. Überall werde ich mit offenen Armen aufgenommen; ich esse, trinke, lebe mit diesen Menschen. Ich lausche den Gebeten, die sie sprechen, bevor sie den Wald betreten, in denen sie darum bitten, dass kein Lebewesen durch ihre Anwesenheit gestört werden möge; ich lerne, dass die Maori etwa 70 Gottheiten kennen, über denen Io, das elternlose Wesen, steht, dass niemals verehrt oder dargestellt wird. Ich erfahre, dass die Schnitzkunst noch heute ein heiliger Akt ist und die Master Carver diese Kunst in ihrer höchsten Form beherrschen. Ehrfurcht verspüre ich, als man mir sagt, dass zum Abschluss jedes Werkes die angefallenen Späne in einer feierlichen Zeremonie begraben werden, weil die Maori glauben, dass alle Dinge einen Geist und eine Seele haben. Ich lerne, dass die traditionellen Whare Hui, die Versammlungshäuser der Stämme, erbaut sind in Form des menschlichen Körpers, der alle Gäste mit offenen Armen empfängt. Ich erlebe, wie selbst Gang-Mitglieder vor dem Betreten dieser heiligen Versammlungsorte ihre Waffen ablegen, um ein paar Stunden lang zurückzukehren zu ihren Wurzeln. Ich nehme teil an Totenfeiern, die drei Tage andauern, weil im Glauben der Maori die Seele ebenso lange im Körper verweilt, bevor sie am Kap Reinga ins Meer eintaucht, um nach Hawaiki zu reisen und die Menschen diese drei letzten Tage nutzen, um den Verstorbenen noch einmal zu berühren, mit ihm zu reden, zu lachen, zu weinen.

 

Drei Monate sollte mein Aufenthalt bei den Maori dauern. Am Ende wurden es sieben Monate. Ein ganzes Leben.
Ich weiß nicht, was ich mir zu Beginn dieser Reise vorgestellt habe – doch ich weiß, ich habe mehr bekommen, als ich erwartete. Ich habe Freundschaft erfahren. Weisheit und Wärme. Und noch etwas anderes, etwas, dass mein Leben für immer verändert hat. Dankbarkeit. Für tausend Momente, die mein Innerstes erfüllen wie ein Schatz. Ich habe gelernt, mit dem Herzen zu hören. Und auf das Wesentliche zu achten. Auf das, was sich dem ersten Blick entzieht.