Auf der Suche nach Kai


360 Grad Neuseeland

Das Frühstück habe ich ausfallen lassen. Wer ein Food-Festival besucht, der braucht am Morgen nichts zu essen, - dachte ich. Hätte ich vor der Abfahrt einen Blick auf die Landkarte geworfen, dann wäre ich sicher nicht aus dem Haus gegangen, ohne mich vorher mit einer großen Schale Müsli zu stärken.

Unser Ziel ist Kawhia, ein kleiner Ort an der Westküste Neuseelands mit etwa dreihundert Einwohnern. Einmal im Jahr, zum traditionellen Maori Kai-Festival, das immer um den Whaitangi-Day herum stattfindet, schwillt Kawhias Besucherzahl auf etwa zehntausend an.

Auf der ausgebauten Straße kommen wir zunächst gut voran. In Tihiroa biegen wir auf den State Highway 31 ab und stehen wenig später vor einer geöffneten Motorhaube. Graue Schleier steigen aus dem Inneren des Pick-ups in die schwüle Luft auf. „Too hot“, sagt die Maori und grinst ein fast zahnloses Lächeln. Unermüdlich schüttet sie Wasser in den Kühler, der brodelt und dampft wie ein Geysir. Vier runde Kindergesichter mustern uns neugierig von den geöffneten Seitenfenstern aus.

John, mein Maori-Guide, wirft einen Blick in den Motor und schüttelt nur den Kopf. Mit diesem Gefährt wird für die Familie aus dem geplanten Ausflug nach Kawhia nichts werden. Nach Johns vernichtendem Urteil erlischt das Lächeln auf dem Gesicht der Frau und wir alle starren anklagend auf den Motor, der der Familie soeben den Tag verdorben hat. Die Maori bleibt, auf Hilfe wartend, am Straßenrand zurück und wir setzen unsere Reise fort. John versucht die verlorenen Minuten wieder hereinzuholen und fährt, was die engen Kurven und seine Geschicklichkeit hergeben. Auch mein Magen meldet sich mit einem lauten Knurren zu Wort, doch außer einem geschmolzenen Schokoriegel habe ich ihm nichts zu bieten.

Als wir in Kawhia ankommen, ist es Mittag. Die Straßen sind mit Autos zugeparkt und vor dem Eingang hat sich bereits eine lange Schlange gebildet. Alkohol und Nikotin sind auf dem Gelände tabu. Raucher, die die nächsten Stunden ohne eine Zigarette nicht überleben können, zünden sich schnell noch eine an, bevor sie sich in das Getümmel stürzen.

 

Händler bieten Holzschnitzereien und Schmuck an und irgendwo flattern bunte Sarongs im Wind. Doch meine Augen verweilen nur kurz an den Verkaufstischen, bleiben stattdessen an den Gesichtern der Besucher hängen; Gesichter, so ausdrucksstark, so individuell und vom Leben geprägt, dass ich nicht anders kann, als darum zu bitten, sie fotografieren zu dürfen.

Ich folge John, der sich zielsicher einen Weg durch die Menschenmenge bahnt, und vor einer überdimensionalen Speisekarte stehen bleibt. Das Angebot an Maori-Kai ist so groß, dass ich mich zunächst einmal nicht entscheiden kann. Zur Auswahl stehen das traditionelle „Hangi“, „Creamed Paua in a fried bread“, „Mussel fritters“, „Toroi“ (fermentierte Brunnenkresse mit Muschelfleisch), „Pan fried Mussel Kebab“, „Piko Piko“, der Mittelteil einer Farnart, „Curry Mussels“, „King Scallops“ und „Rewena Bread“, ein Brot, das unter Zusatz von Kartoffelsaft hergestellt wird. Neben all den köstlichen Sachen gibt es aber auch etwas, wozu weder mein Mut noch meine Neugier ausreichen, um es zu versuchen: Kaanga wai. Dabei handelt es sich um Maiskolben, die monatelang im Wasser vor sich hinvegetieren bis sie schließlich vergären. Die auf diese Weise kultivierte Ausdünstung muss vor dem „Genuss“ erst einmal überwunden werden. Das Gericht stammt aus der Zeit, in der die Menschen noch keinen Kühlschrank ihr eigen nennen konnten und die Essensvorräte eingelegt oder getrocknet werden mussten. Ich kapituliere bereits beim Blick in den großen Topf. John kann meine Unentschlossenheit nicht lange mit ansehen und ordert kurzerhand ein Hangi für mich. Für einen Vegetarier nicht unbedingt die beste Wahl.

 

Wir suchen uns einen schattigen Platz unter den großen Bäumen, und ich krame verstohlen in dem aus Bananenblättern geflochtenem Körbchen nach der Gemüseeinlage und dem frittierten Brötchen. Während ich an einem Stück Süßkartoffel knabbere nehme ich mir vor, später noch die Mussel Fritter zu probieren.

Die Hitze und die Suche nach dem passenden Kai hat John müde gemacht und er streckt sich unter einem Baum aus, um ein Nickerchen zu machen. Die Stimmung ist entspannt und von der Hafenbrücke her höre ich das Lachen der Kinder, die sich, nach Abkühlung lechzend, ins Meer stürzen. Besucher, die nicht dem Müßiggang frönen wollen, versuchen sich im Ráranga (Flachsweben), Whakairo-Rákau (Schnitzen) und Whatu-Kákahu (Umhangmachen). Ich bleibe lieber auf der Beobachterseite und sehe wie mühsam es sein kann, aus Materialien etwas herzustellen, mit denen man nicht vertraut ist.

Wenig später sitze ich am Meer und schiebe mir genüsslich einen knusprigen Mussel Fritter in den Mund. Der Reggaesound der Live-Band klingt herüber und ich beobachte, wie das Meer langsam wieder die sumpfigen Pfützen füllt, die es bei seinem Weggang vor ein paar Stunden hinterlassen hat. Ich atme die frische Meeresluft und genieße einen weiteren Mussel Fritter. Ja, das Leben ist wirklich schön, vor allem wenn man das richtige Kai gefunden hat.