Ein Gefühl von Freiheit


360 Grad Neuseeland

Schlaftrunken war ich gegen sechs Uhr morgens in den Truck geklettert. Tokowha hatte darauf gedrängt, dass wir frühzeitig losfuhren. Heute war der Tag, auf den ich mich seit meiner Ankunft am meisten gefreut hatte, denn ich sollte Neuseelands Wildpferde sehen.

Tokowha war sich sicher, dass er den Aufenthaltsort einer Herde kannte. Noch vor wenigen Tagen waren sie dort von seinem Cousin Rusty und dessen Frau Maureen, die eine sogenannte Pferdeflüsterin ist, gesichtet worden. Ausgangspunkt der Reise war Te Kuiti, wo ich bereits seit zwei Wochen in einem gemütlichen Bed & Breakfast wohnte.

An diesem Samstag verließen wir den kleinen Ort und fuhren zunächst Richtung Taupo. Die sanften grünen Hügel lagen vor uns, gespenstisch eingehüllt von Nebelschwaden. Ab und zu überquerte eine Nebelbank die Straße und ließ mich instinktiv auf eine imaginäre Bremse treten. Doch Tokowha hielt das Tempo, nicht bereit, sich von den durchsichtigen Störenfrieden irritieren zu lassen. Statt um eine gemäßigtere Fahrweise zu bitten entschied ich mich dafür, die Augen zu schließen und dem Maori zu vertrauen, der mir Neuseeland in den vergangenen Wochen auf eine Weise erschlossen hatte, wie ich es während meiner vorherigen Besuche noch nie erlebt hatte.

Tokowha übernahm die Rolle des Reiseführers, beantwortete jedoch keine Fragen über Ziel und Zeit. „Trust me“, sagte er und ich hatte es zugelassen. Nicht ganz freiwillig, aber nach mehreren ergebnislosen Versuchen einen Widerspruch zu wagen, hatte ich schließlich kapituliert. Auf eines allerdings hatte ich bestanden: Ich wollte Neuseelands Wildpferde sehen.

Mein Kopf schwenkte willenlos auf der Nackenstütze hin und her. Meine Augen verlangten danach geschlossen zu bleiben, doch stattdessen gewann die Neugier auf die frisch erwachte Landschaft. Langsam bahnte sich die Sonne ihren Weg durch den Dunst, blendete mich wie ein gleißendes Schwert. Ich blinzelte in die Landschaft hinaus, die wie frisch gewaschen aussah, benetzt vom Tau und den Nebelschwaden unterlegen. Oft war ich kurz davor „Stopp“ zu schreien, den Wunsch verspürend, die Farben mit meiner Kamera festzuhalten, es wenigstens zu versuchen. Doch viel zu schnell flogen die Bilder an mir vorüber, ließen mich sprachlos zurück. Mir blieben nur ein kurzer Blick nach hinten und die Hoffnung, dass ich sie nie vergessen würde.

 

Nach etwa zwei Stunden wurden die Straßen schmaler und staubiger. Wir erreichten das Dorf Minginui und Tokowha wies mich an, die Kamera aus meinem Rucksack zu fischen. Die Anspannung wuchs. Unsere Augen wanderten von einer Seite zur anderen, durchsuchten die von üppiger Vegetation übersäte Landschaft, in der vereinzelt ein paar Häuser standen.

Nichts, keine Spur von ihnen! Tokowhas schwarze Augen verfinsterten sich um eine Nuance. Er wendete den Truck und raste aus dem kleinen Dorf hinaus. Der Wagen holperte auf den Schlaglöchern dahin, wirbelte eine riesige Staubwolke auf und endete schließlich in einer Straße, die so eng war, dass ich befürchtete, von dem mich umgebenden Grün verschluckt zu werden.

Plötzlich trat Tokowha auf die Bremse und deutete auf einen Haufen, der mitten auf dem Weg lag: Pferdeäpfel. Er öffnete das Autodach und scheuchte mich auf die Rückbank, von wo aus ich Ausschau halten sollte. Langsam kroch der Wagen den Weg entlang. Ich hatte keine Ahnung, wo die Pferde ihren bevorzugten Aufenthaltsort hatten und suchte ziellos den Regenwald nach ihnen ab.

Im nächsten Moment öffnete sich die Landschaft und gab den Blick frei auf eine kleine Herde, so schön und hinreißend, dass mir der Atem stockte. Meine Gedanken und Gefühle überschlugen sich, Worte wie Freiheit, Anmut und Stolz fielen mir ein. Die Herde bestand aus zehn Tieren unterschiedlicher Schattierungen, darunter ein Fohlen. Wir näherten uns im Schritttempo. Nacheinander hoben sich die Pferdeköpfe, schauten interessiert und senkten sich wieder. Ich verspürte den dringenden Wunsch auszusteigen, mein Gesicht in den buschigen Mähnen zu verbergen. Tokowha parkte direkt vor der Herde und ich ließ mich aus dem Auto gleiten. Da stand ich, nur wenige Meter von den anmutigen Geschöpfen entfernt. Sie zeigten kein Anzeichen von Furcht, sahen mich neugierig mit ihren warmen Augen an. Ich bewegte mich nicht, ließ sie an mich herankommen, meinen Geruch aufnehmen, die Kamera untersuchen. Während sie um mich herumstrichen, berührten meine Finger sanft ihre zarten Nüstern, fuhren ihre Hälse entlang. Ich wurde Teil der Herde, fühlte mich ebenso frei und zugehörig.

Der Tag hatte keine Chance noch schöner zu werden. Tokowha hatte mir freundlicherweise den Truck als Schlafplatz überlassen. Nach Einbruch der Dunkelheit verzog ich mich dorthin. Ich wollte das schöne Gefühl nicht zerreden, das ich seit der Begegnung mit den Pferden in mir spürte. Bei geöffnetem Dach lag ich da und blickte in einen Nachthimmel, wie er dunkler und doch strahlender nicht sein konnte. Das einzige Geräusch war das des alles übertönenden Wasserfalls, der nur wenige Meter von meinem Schlafplatz entfernt, in ein Becken aus weißen Schaumkronen hineinstürzte. Heute war ein besonderer Tag - ich war eins mit der Natur geworden.