Maori und Pakeha


Am 6. Februar 1840 schlossen die Briten mit 40 Māori-Chiefs in der Bay of Islands den Treaty of Waitangi, eine Vereinbarung, die sowohl den Māori als auch den Europäern ein friedliches Zusammenleben in Neuseeland Aotearoa ermöglichen sollte.
Während der nächsten Monate unterschrieben weitere 500 Verantwortliche der Stämme das Abkommen. In dem Vertrag verzichteten die Māori auf alle souveränen Rechte und wurden zu britischen Bürgern. Im Gegenzug sicherte man ihnen zu, dass sie ihr Land behalten dürfen.
Der Vertrag stellte die Māori mit allen Rechten unter den Schutz der Krone und übertrug Großbritannien die Souveränität über Neuseeland.


Nicht lange danach kam es jedoch zu unterschiedlichen Auslegungen des Kontrakts, was zu zahlreichen Kontroversen führte. Nicht alle Regelungen im Vertrag waren eindeutig und wurden nach und nach zugunsten der Europäer aufgeweicht.

Der Strom an europäischen Siedlern, die ins Land drängten, war von nun an nicht mehr aufzuhalten. Sie radierten ganze Wälder aus und forderten immer mehr Landflächen, was zu weiteren Streitigkeiten zwischen den Vertragsparteien führte.
Die Briten begannen damit, auf unkultiviertes Māori-Land Steuern zu erheben. Als die Māori diese nicht bezahlen konnten, wurden diese Landgebiete in großem Maße konfisziert.
Manche Māori willigen ein, ihr Land an die Siedler zu verkaufen, ohne sich dessen bewusst zu sein, dass sie dadurch auch die Rechte an dessen Ernteerträgen einbüßten. Der Verkauf von Land war im kulturellen Kontext der Māori nicht üblich, da sie sich nie als Besitzer, sondern ausschließlich als Hüter des Landes ansahen.

Die Māori lebten immer von dem, was das Land und das Meer ihnen zur Verfügung stellte. Als die Siedler damit begannen, ihre Ländereien einzuzäunen, entzogen sie sie dadurch automatisch der Nutzung der indigenen Bevölkerung. Um den ausufernden Fischfang einzudämmen und den weiteren Fischbestand zu sichern, wurden überdies Fangquoten erlassen.
All das hatte zur Folge, dass die Stämme automatisch ihre natürliche Lebensgrundlage verloren. Für die Māori bedeutete das den wirtschaftlichen und sozialen Abstieg.


Die Kriege zwischen den Parteien forderten weitere Opfer. Bis zum Jahr 1880 hatte sich die Zahl der in Neuseeland lebenden Māori auf etwa 40 000 verringert.
Von Resignation und dem Verlust ihrer Würde als Māori-Krieger zerrüttet, gingen die Europäer davon aus, dass sich die Māori entweder an die europäische Kultur anpassen oder aussterben würden. Die Briten bezeichneten den Zustand, in dem sich die Māori befanden als „Psychologischen Fatalismus“.
Die Māori-Bevölkerung nahm kontinuierlich und dramatisch ab und war nur mehr eine Minderheit im eigenen Land, die weder gesellschaftlich noch politisch eine Rolle spielte. Ohne eigenes Land und begrenzte Zugänge zum Meer sahen sich immer mehr Māori gezwungen, in größere Städte zu ziehen, um dort als Hilfsarbeiter ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Als erste Auswirkung davon brachen die Familienverbände, die die Pfeiler der Māori-Zivilisation bedeuteten, auseinander. In den 1950er-Jahren bestand die Mehrheit der Māori aus ungelernten Arbeitern. Das Gros kämpfte mit Armut und wirtschaftlichen Problemen.
Über die Jahre hinweg wurde das Leben der Māori komplett umgestülpt, „Anpassung“ war das Wort der Zeit. Entfremdung gegenüber der eigenen Kultur und Hoffnungslosigkeit waren die Folge.
Die Expansion der neuen Kultur zeigte sich gnadenlos und ließ dem Erhalt des kulturellen Erbes der indigenen Bevölkerung keinen Raum.


Wenn die Māori weiterhin als Volk bestehen wollten, dann mussten sie ihr Schicksal, das von den Europäern bestimmt wurde, annehmen. Für die Māori-Stämme ging es einzig und allein darum, sich so gut es ging, an die neuen Entwicklungen anzupassen, die ihr Land überfluteten und damit gleichzeitig ihre Kultur auslöschten. Überleben würde nur der, der sich in der PākehāWelt, der Welt der Europäer, einen Platz sicherte.
In dem Vorhaben, die Indigenen so schnell wie möglich an die überlegene Kultur der Europäer anzupassen, wurde alles dem Erdboden gleichgemacht, was auf die bisherige Kultur schließen ließ. Heilige Stätten der Vorfahren wurden entweiht, Māori-Namen von Plätzen und Orten durch europäische ersetzt und das Ausüben von Bräuchen und Überlieferungen, wie zum Beispiel Rongoa-Māori, das Anwenden von Māori-Medizin, untersagt.

Ihres Landes und ihrer Kultur beraubt, kam es bei vielen Māori zum Verlust der Identität. Die „Lost Generation“ entstand, die Māori-Generation, die in der Zeit aufgewachsen ist, als es zu dramatischen Einschnitten in der persönlichen Entfaltung der Māori kam. Um ihr kulturelles Erbe betrogen, gelang es dieser Generation weder in der eigenen noch in der europäischen Kultur ein Zuhause zu finden.